Januar 7, 2008
Schrippe, lieber Schrippe … von Regina
Matetee: Zuerst war er für mich „Schrippe“. Die Berliner wissen, was eine „Schrippe“ ist – ich wußte es nicht, für mich war es nur ein abstrakter Begriff, vielleicht der Name von dem, dessen Internet-Forum ich entdeckt hatte.
Schrippe – oder vielmehr das „Schrippe-Forum“ ließ mich nicht mehr los. Besonders nicht der Moderator in diesem Forum. Schrippe war einer, der den Sachen auf den Grund ging. Wo es Vorurteile gibt, wollte er diese bestätigt sehen – oder eben niederlegen. Oder er wollte sich selbst ein Bild machen und dann seine eigene Bewertung vornehmen. Das war schon etwas Besonderes.
In der Folgezeit wechselten wir einige E-Mails. Seine Mails waren gekennzeichnet von Rücksicht und Feinfühligkeit. Ein einziges Mal, am 31.5.2001, setzte er eine Signatur unter seinen Text. Sie lautete:
Kenne Deinen Feind und kenne Dich selbst, dann wirst Du aus 1000 Schlachten unbeschadet hervorgehen.
Sun Tzu
Später lernte ich Schrippe persönlich kennen. Das war, genau gesagt, am 22. November 2002. Ich hatte an diesem Tag zusammen mit meinem Mann in Berlin etwas bei der chinesischen Botschaft zu erledigen, und im Vorfeld vereinbarten Schrippe und ich per e-Mail, daß wir uns bei dieser Gelegenheit dann doch „mal eben“ in Berlin treffen könnten. Am 20.11.02 schrieb Schrippe an mich:
„… Ich denke auch, daß wir uns problemlos erkennen – zur Sicherheit: ich messe etwa 1,85 m und werde wahrscheinlich einen schwarzen Mantel mit grauem Schal tragen. Sofern ich noch eine bekomme, werde ich mich ausserdem mit einer Ausgabe des „Freitag“ zu erkennen geben
Also dann, bis 14:00 vor dem Schauspielhaus!“
Und ich schrieb am gleichen Tag an ihn zurück:
„… Also – woran Du mich erkennen kannst – ich weiß ja auch nicht, wieviele Leute da sind:
Mit Mantel (wahrscheinlich schwarz), und keine lange Hose (das ist fast schon Erkennungszeichen genug, denn die meisten Frauen tragen Jacke und Hose), halblange dunkelblonde (braune) Haare und Brille. Und ein bißchen Farbe auf den Lippen. Und, sagen wir mal so: Ein bißchen sehr älter als Du
Ja, und meinen Fotoapparat werde ich wahrscheinlich dabei haben …“
Mein Mann wollte sich eigentlich dabei nicht „einmischen“ und in dieser Zeit etwas anderes in Berlin tun. Aber als wir Schrippe trafen, da war es so, als hätten wir uns schon immer gekannt. Wir blieben alle drei zusammen, und wir gingen in ein Bistro, fotografierten ein bißchen, saßen zusammen und redeten in einer überaus entspannten Atmosphäre. Wie ich mich an diesem Tag von Schrippe verabschiedet habe, habe ich an anderer Stelle schon berichtet.
Schon vor diesem Tag war aus dem „Schrippe“ für mich ein Sebastian geworden. Nach unserem Besuch in Berlin schrieb ich ihm:
„Mein Mann hat mir vorgestern gesagt, daß er Dich mal mit „Herr Schrippe“ angesprochen hat. (LOL) Das habe ich gar nicht gemerkt, habs einfach überhört, und Du vielleicht auch. Wenn nichts, macht es ja auch nichts
„
und Sebastian schrieb zurück:
„stimmt
Es ist mir wahrscheinlich auch deshalb nicht aufgefallen, weil ich es gewohnt bin – meine engeren Freunde nennen mich auch ausserhalb des Internets Schrippe – und bei den meisten Internetbekannten, die ich irgendwann einmal ‘real’ getroffen habe, war es eigentlich genauso. Also, überhaupt kein Grund zu Beunruhigung.“
Da die Zeit an diesem Tag viel zu schnell verging, planten Sebastian und ich für den darauffolgenden Sommer ein neues, längeres Treffen: Da ich Berlin noch nicht kannte, wollte ich für einen Tag dorthin reisen und er wollte mich in Berlin begleiten unter gleichzeitigen Gesprächen und Diskussionen. Zu diesem Treffen kam es dann auch, und darüber berichte ich an dieser Stelle vielleicht ein andermal.
Ich schickte an Sebastian die Fotos, die wir an diesem Tag gemacht hatten. Ich glaube, er wollte ganz gerne eines davon in seinem Forum veröffentlichen, aber ich wollte es damals nicht so recht und schrieb ihm das auch:
„Dagegen habe ich wieder ein bißchen Bedenken bekommen bezüglich der Veröffentlichung eines Bildes. Also – wenn’s nicht unbedingt sein muß, dann vielleicht lieber nicht. Wir können ja noch einmal drüber reden, bevor es so weit wäre.“
Und danach wurde über die Veröffentlichung eines Fotos nicht mehr gesprochen.
Ich füge heute eines dieser Fotos ein …

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De mortuis nil nisi bene. Das folgende würde ich aber auch sagen, wenn Sebastian noch leben würde: Sebastian war einer von den Guten. Sebastian war einer von denen, die man nicht vergißt. Sebastian war gegen Gewalt und gegen Unehrlichkeit. Sebastian war einer, denen man trauen konnte. Und leider müssen wir Sebastian nun betrauern … heute morgen war ich am Grab meines Sohnes. Am 26. November 2007 wäre mein Sohn 25 Jahre alt geworden. Aber am 22. Dezember 2006 kam er ums Leben, und am 9. Januar 2007 haben wir die rote chinesische Holzurne mit seiner Asche auf unserem Friedhof beigesetzt.
Ich habe heute zwei Kerzen an dem Grab meines Sohnes angezündet, eine für Bernhard und eine für Sebastian.
Bernhard war ein überzeugter und gläubiger Katholik. Er glaubte an das Ewige Leben. Sebastian war ein Suchender. Ich glaube, das sagen zu können. Beide gehörten zu den Guten, die früher sterben müssen. Alle diese Menschen hinterlassen uns ein Vermächtnis: Sie sagen uns, daß wir behutsam miteinander umgehen sollen, wenn wir hier eine bessere Welt schaffen wollen …
In seinem Forum hatte Schrippe voreingestellt, daß jeder Beitrag mit dem Wort „Matetee“ beginnt. Jeder Neue fragte früher oder später: „Warum steht da immer Matetee?“
Sebastian und Bernhard haben jetzt alle Zeit der Welt. Sie haben Zeit, auf uns zu warten, die wir noch einiges zu erledigen haben oder glauben, daß wir es erledigen müssen. Und wenn wir eines Tages zu euch kommen:
Dann, lieber Sebastian, hoffe ich, daß Du uns mit einer großen Kanne Matetee begrüßen wirst. Und Bernhard wird an Deiner Seite stehen und uns mit Dir erwarten …
Der Tod ist nichts,
ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen
ich bin ich, ihr seid ihr
das, was ich für euch war bin ich immer noch
gebt mir den Namen, den ihr mir immer gegeben habt,
gebraucht keine andere Redeweise
seid nicht feierlich oder traurig
lacht weiterhin über das worüber wir gemeinsam gelacht haben
betet, lacht, denkt an mich
betet für mich,
damit mein Name im Hause ausgesprochen wird
so, wie es immer war
ohne irgendeine besondere Bedeutung
ohne die Spur eines Schattens
das Leben bedeutet das, was es immer war
der Faden ist nicht durchschnitten
warum soll ich nicht mehr in eueren Gedanken sein
nur, weil ich nicht mehr in eurem Blickfeld bin?
Ich bin nicht weit weg,
ich bin nur auf der anderen Seite des Weges!
Januar 5, 2008
Grübeln
Ich denke,also bin ich.
Schrippe war immer ein sehr rationaler Mensch, Überzeugungen konnte er immer so hinterfragen, dass ein Argument herauskam, mit dem dann weiter gedacht werden konnte. War das nicht möglich,landete die Überzeugung im Fabelland in einer unteren Denkschublade, nicht vergessen,aber eben erstmal heraus aus dem Kopf. So haben wir uns in der Linken kennen gelernt, in den sog. neuen sozialen Bewegungen,die auch in Deutschland nach dem Machtwechsel von Kohl zu Schröder ein gewisses Wachstum erlebten. In jahrelangen Diskussionen haben wir die revolutionäre Linke durch- und mitgedacht und letztlich ins Fabelland abgelegt, er ging in die Sozialdemokratie,ich hatte mit meinen Parteierfahrungen bei den GRÜNEN in den achtziger Jahren sowieso genug vom Parteileben. Übrig blieben uns die Ebenen im Nachdenken,Diskutieren und Publizieren.Ab und zu gingen wir noch auf Demos, die letzte gemeinsame Manifestation war die stasi 2.0 Demo in Berlin im Hersbt 2007. Im letzten Sommer machte Schrippe ein Praktikum bei einem Verein zur Förderung der Demokratie in Pirna. Das weit verbreitete rechtsextreme Gedankengut in diesem Teil Deutschlands hat ihn sehr schockiert,er wusste schon,was in dieser Region politisch so los war. Aber es ist eben etwas anderes,andauernd mit Menschen zu tun zu haben,die Antisemitismus,Nationalismus und totalitäres Denken ganz alltäglich Leben. Er überprüfte und änderte sein Aufklärungskonzept für diese Region. Schrippe war immer ein Aufklärer,der sich von Denk- und Sprachtabus nicht ausbremsen lassen wollte, der immer die eigene Einsicht gegen externe Verbote bevorzugte: Menschen können ihre Einstellungen verändern,das war sein Credo. Und so hat er auch mit den Menschen diskutiert. Was mir oft wie endlose Geduld vorkam,war für ihn selbstverständlich: Zuhören,hinterfragen,Perspektivenwechsel und eine abschliessende Einschätzung,ob weiterdiskutieren lohnt oder eher doch nicht,so hat er Kontakte nicht nur im politischen Raum gebaut. Wenn ich drohte, bärbeissig zu werden, reichte eine Geste und die Debatte konnte nach einer Zeit doch weiter gehen. Das ist mir nicht immer gelungen,ich bin eben ungeduldig und gehe auch schnell auf die Palme. Aber Schrippe hat so gut wie nie aufgegeben, ausser bei den absolut hoffnungslosen Fällen,aber die waren wohl selten. Gerade bei Diskussionen mit jüngeren Menschen hat er mich dafür öfters tadeln müssen: Das ist wie Welpen verprügeln,sagte er zu mir unter vier Augen und ich schämte mich für mich selbst.
Ich kann jetzt erstmal nicht mehr weiter schreiben …….
Der Anruf
Nach dem Anruf von Sebastians Mutter war ich ersteinmal völlig platt, Sebastian aka schrippe kann doch nicht einfach so tot sein?

Nach dem Am 2. Weihnachtsfeiertag haben wir noch telefoniert, er war gerade von den Familienfestlichkeiten bei seinem Bruder aus Kiel nach Berlin zurückgekehrt, wir tauschten die aktuellsten News über die Diss, Recherchen,etc. .. aus, für Sylvester hatte jeder von uns eigene Pläne, aber im neuen Jahr wollten wir uns wieder treffen. Nach Neujahr ging er aber nicht mehr an sein Telefon, ich wunderte mich darüber, war aber noch nicht besorgt, da er mir beim letzten Telefonat erzählte, er habe viel Schreibarbeit und er müsse sich dazu die nächste Zeit zu Hause etwas „einbunkern“ – was er in intensiven Arbeitsphasen schon zu Studienzeiten an der Uni-Potsdam öfters so machte. Das war sein Arbeitsstil.
Die Mutter von Sebastian – sie arbeitet in Leipzig – war besorgt, sie verständigte dann auch am Donnerstag die Berliner Polizei, die Sebastian stranguliert in seiner Wohnung aufgefunden hat. Die genauen Ursachen für diese Tragödie sind noch unklar. Die Polizei ermittelt.
Eine halbe Stunde nach dem Anruf der Mutter funktionierte die Telefonkette und die engsten gemeinsamen Freunde von schrippe und mir tauschten sich über die unfassbare Nachricht aus. Es fällt mir nicht leicht, aber ich habe vor gut 5 Jahren diese ganze Gefühlshölle schon einmal durchgemacht – grösstenteils alleine – und das war ein Fehler.
Alle, die Sebastian Dittrich aka schrippe kannten, mögen sich hier im Blog informieren und äussern. Wir müssen mit der Bürde weiter leben, einen wertvollen Menschen verloren zu haben. Das fällt leichter, wenn sich hier Trauer und Rückblick zu einem abschliessenden Bild von Sebastian vereinen. Das ist jedenfalls meine Hoffnung.
PS: Eigenständige Beiträge anderer Autoren stelle ich hier gerne als solche online, gebt mir über die Kommentarfunktion/email kurz darüber bescheid. Auch Bilder, Videos und Tondokumente können hier bereitgestellt werden.