Seit dem 03.01.2008 denke ich immer wieder darüber nach, wie es zu dieser Tragödie kommen konnte. In den Telefonaten der letzten Tage begegnete mir meist ein mir vertrauter, bekannter Schrippe. Ohne den abschliessenden Erkenntnissen der Polizei vorgreifen zu wollen, möchte ich hier einige Gedanken loswerden. Er war ein rationaler Mensch, er hatte ein hohes Mass an Sensibiltät und Einfühlungsvermögen in die Lage seines Gegenüber,er war wissbegierig und niemals vorschnell in seinem Urteil. Ich frage mich seit der Todesnachricht, an welcher Stelle gab es jemals Anhaltspunkte für Todfeindschaften oder einen unglücklichen Aspekt in seinem viel zu kurzen Leben?
Die genauen Tatumstände liegen ja noch weitestgehend im Dunkel und der Polizeibericht wird wenigstens die Tatzeit erhellen. Also ist die Aufstellung von Hypothesen eine verständliche Reaktion der Trauernden.Es liegt kein Abschiedsbrief vor, eine Selbsttötung ist somit nibulös, ich habe die Suizid-Variante in den vergangenen Tagen auch lieber verdrängt, sie hinterlässt sehr viele offene emotionale Fragen,die mit Schuld- und Verantwortungsgefühlen verbunden sind. Die Frage, an welchen Punkten ich als Teil von Schrippes sozialen Umfeld nicht richtig, mehr angemessen oder ganz anders hätte handeln oder reagieren können ist bohrend und letztlich selbstzerstörerisch,sie führt nicht weiter. Aber sie beschäftigt wohl viele Menschen aus seinem Umfeld.
Ich denke auch öfters darüber nach,ob es einen ominösen Unbekannten geben kann,der in den letzten Stunden von Schrippes Leben eine Rolle spielte. Es gab Hinweise – aber keine Beweise -, dass Schrippe am Neujahrstag nicht alleine in seiner Wohnung war. Eine Spekulation, ein verständlicher Erklärungsversuch bei der dürftigen Faktenlage, wohl nicht viel mehr als das??
Was ich auch komisch fand,waren die Störungen im Telefonverkehr im Festnetz im Dezember 2007 – selbst die Todesnachricht erreichte mich erst nach einigen Versuchen seitens Schrippes Mutti,, eine alltägliche Nerverei: Schrippe rief mich an,ich konnte ihn hören,er aber mich nicht.
Seine Befassung mit den ideologisch rechtsextremen Politströmungen war nie ungefährlich, aber hier gibt es eine Abfolge wahrscheinlicher Eskalationsstufen: Warnungen, kriminelle Interventionen unterschiedlicher Intensität bis hin zur Morddrohung. Keiner dieser Schritte gegen Schrippe durch Extremisten ist bekannt.Ich hatte mit Schrippe dieses Thema bei unserem letzten Anruf auf der Agenda, wir haben über den Selbstschutz nachgedacht, weil er nun immer näher an rechtsextreme Strukturen herankam, deren Protagonisten auch heute noch aktiv sein würden. Gemäss dem Sun Tzu Zitat „Kenne Deinen Feind und kenne Dich selbst, dann wirst Du aus 1000 Schlachten unbeschadet hervorgehen“ plante er seine Recherchen in einem politikwissenschaftlich bisher kaum erschlossenen Forschungsfeld. Er musste mit den Publizierenden und den Vertreibern dieser Propaganda in Kontakt gehen, um die Texte zu beschaffen. Für diesen Rechercheteil seiner Arbeit haben wir sichere Beschaffungskanäle angedacht,aber diese Punkte waren noch unausgereift und standen ersteinmal an ihrem Anfang, ein Punkt von vielen für die vermeintlichen Diskussionen im neuen Jahr.
So souverän,selbstsicher und liebenswert Schrippe im kollegialen und freundschaftlichen Umgang auftrat,konnte ich kaum glauben,wie unsicher,unerfahren und manchmal unbeholfen er im Aufbau von engeren,intimeren Beziehungen erschien.Wir haben dieses Thema in den vielen Jahren unserer Freundschaft vielleicht drei oder vier Mal besprochen: Vor mir sass dann ein erwachsener junger Mann, der mir seine schwärmenden Gefühle für einen anderen Menschen zu beschreiben versuchte, was ihm leidlich gelang. Ich fühlte mich an die ersten Gefühlshöllen meiner Pubertät erinnert,wir haben einen pragmatischen Umgang mit diesen Emotionen besprochen und aus der Schwärmerei entstand dann wohl keine Liebesbeziehung, aber eine langjährige Freundschaft.Schrippe sagte oft,“Familie,Garten und ein PKW in der Garage“ seien nicht gerade seine vordringlichen Lebensziele, „zuerst kommt die Wissenschaft,dann kümmere ich mich um den Rest“. Aber worin bestand wohl dieser Rest? Ich weiss es nicht.Ich war auch in den letzten Jahren für diese Thematik kein guter Gesprächspartner. Ich hoffte,in diesen Angelegenheiten bekommt er von Anderen eine Unterstützung. Es hatte nichts mit Schrippe zu tun,aber ich war von den Diskussionen in und über Partnerschaftsauseinandersetzungen einfach ausgebrannt.
Sicherlich hatte Schrippe keine leichte Kindheit,sein Vater starb in seiner Jugendzeit und die Zeit bis dahin war für die Familie eine sehr schwere Zeit.Die Umbrüche in der Wendezeit haben Schrippes Vater zermürbt und die Familie höchstem Stress ausgesetzt. Dieses Klima kann nicht ohne einschneidende Folgen für ihn geblieben sein. Aber ich hatte den Eindruck,er hat diese Erlebnisse gemeinsam mit seiner Mutter,der Familie und seinen Freunden soweit überwunden,so dass er seinen Weg weitergehen konnte.
Soviel ich auch nachdenke,es kommt einfach kein plausibler Gedanke in meinen Kopf,warum Schrippe nicht mehr da ist.