Sebastian Dittrich Kondolenzblog

Januar 5, 2008

Grübeln

Gespeichert unter: Grübeleien — philolog @ 1:50

Ich denke,also bin ich.

Schrippe war immer ein sehr rationaler Mensch, Überzeugungen konnte er immer so hinterfragen, dass ein Argument herauskam, mit dem dann weiter gedacht werden konnte. War das nicht möglich,landete die Überzeugung im Fabelland in einer unteren Denkschublade, nicht vergessen,aber eben erstmal heraus aus dem Kopf. So haben wir uns in der Linken kennen gelernt, in den sog. neuen sozialen Bewegungen,die auch in Deutschland nach dem Machtwechsel von Kohl zu Schröder ein gewisses Wachstum erlebten. In jahrelangen Diskussionen haben wir die revolutionäre Linke durch- und mitgedacht und letztlich ins Fabelland abgelegt, er ging in die Sozialdemokratie,ich hatte mit meinen Parteierfahrungen bei den GRÜNEN in den achtziger Jahren sowieso genug vom Parteileben. Übrig blieben uns die Ebenen im Nachdenken,Diskutieren und Publizieren.Ab und zu gingen wir noch auf Demos, die letzte gemeinsame Manifestation war die stasi 2.0 Demo in Berlin im Hersbt 2007. Im letzten Sommer machte Schrippe ein Praktikum bei einem Verein zur Förderung der Demokratie in Pirna. Das weit verbreitete rechtsextreme Gedankengut in diesem Teil Deutschlands hat ihn sehr schockiert,er wusste schon,was in dieser Region politisch so los war. Aber es ist eben etwas anderes,andauernd mit Menschen zu tun zu haben,die Antisemitismus,Nationalismus und totalitäres Denken ganz alltäglich Leben. Er überprüfte und änderte sein Aufklärungskonzept für diese Region. Schrippe war immer ein Aufklärer,der sich von Denk- und Sprachtabus nicht ausbremsen lassen wollte, der immer die eigene Einsicht gegen externe Verbote bevorzugte: Menschen können ihre Einstellungen verändern,das war sein Credo. Und so hat er auch mit den Menschen diskutiert. Was mir oft wie endlose Geduld vorkam,war für ihn selbstverständlich: Zuhören,hinterfragen,Perspektivenwechsel und eine abschliessende Einschätzung,ob weiterdiskutieren lohnt oder eher doch nicht,so hat er Kontakte nicht nur im politischen Raum gebaut. Wenn ich drohte, bärbeissig zu werden, reichte eine Geste und die Debatte konnte nach einer Zeit doch weiter gehen. Das ist mir nicht immer gelungen,ich bin eben ungeduldig und gehe auch schnell auf die Palme. Aber Schrippe hat so gut wie nie aufgegeben, ausser bei den absolut hoffnungslosen Fällen,aber die waren wohl selten. Gerade bei Diskussionen mit jüngeren Menschen hat er mich dafür öfters tadeln müssen: Das ist wie Welpen verprügeln,sagte er zu mir unter vier Augen und ich schämte mich für mich selbst.

Ich kann jetzt erstmal nicht mehr weiter schreiben …….

6 Kommentare »

  1. Lieber Zuppi,

    herzlichen Dank dafür, daß du diesen Kondolenzblog eingerichtet hast.

    Ich weiß nicht genau, was „Trauerarbeit“ eigentlich ist. Aber jedenfalls gehört wohl dazu, daß man über den Toten, über die Beziehung zu ihm, nachdenkt; auch nachforscht. Wenn er so unverständlich, so unfaßbar stirbt wie Sebastian, betrifft das natürlich auch die Umstände des Todes.

    Man kann das allein; vielleicht. Man kann es im Austausch mit anderen sicher leichter. Die meisten Kulturen besitzen Riten, die dieses gemeinsame Trauern sozusagen in vorgezeichnete Bahnen lenken – die Totenwache, das ja oft auch geradezu ritualisierte Weinen und Jammern, die Begräbnisriten. Ich habe das lange nur als überholte Merkmale traditioneller Gesellschaften gesehen; inzwischen verstehe ich besser die entlastende Funktion, die es hat.

    Davon ist uns wenig geblieben, kaum mehr als Trauergottesdienst, Begräbnis und ein gemeinsames Essen danach. Was – das ist jedenfalls meine Erfahrung – oft eher der Überdeckung der Trauer durch Rederei als der Trauerarbeit dient.

    Nach dem Tod von Bernhard Wilden vor einem Jahr ist das jetzt das zweite Mal, daß ich erlebe, wie im Web sich sozusagen eine virtuelle Trauergemeinde bildet. Mir kommt es so vor, als sei dieser Austausch – jedenfalls gemessen an meinen Erfahrungen – nicht weniger intensiv, vielleich manchmal sogar intensiver als unter Verwandten und Freunden im Leben außerhalb des Web.

    Es ist wohl wie diese Beziehungen im Web selbst. Ich habe Sebastian ja nie persönlich getroffen; es wäre vielleicht – wahrscheinlich – irgendwann „so weit“ gewesen. Trotzdem war es eine enge Bekanntschaft. Das ist mir sehr bewußt geworden, als du mich über Sebastians Tod informiert hast. Es war sicherlich eine sehr stark intellektuell gefärbte Beziehung, aber mit unausgesprochenen emotionalen Elementen.

    Wer unter Trauernden kondoliert eigentlich wem? Traditionell wohl die Freunde den Verwandten. Obwohl manche Freunde ja vielleicht tiefer ge- und betroffen sind als manche Verwandte. Du warst ein sehr guter Freund von ihm, und ich denke, ich mache nichts falsch, wenn ich auch dir mein Mitgefühl ausspreche. Und nochmal deinen Dank dafür, wie du das hier eingerichtet hast und betreust.

    Herzlich, Zettel

    Kommentar von Zettel — Januar 5, 2008 @ 7:04 | Antworten

  2. Ich habe in der vergangenen Zeit auch oft über das Wort „Trauerarbeit“ nachgedacht, das so komisch klingt. Man geht an eine Arbeit dran, man macht sie, man erledigt sie und dann ist sie getan.

    So ist es mit der Trauer nicht. Man kann sie nicht tun, man kann sie nicht erledigen, und getan ist sie für viele nie, insbesondere nicht für die nahen Angehörigen.

    Trotzdem ist es eine Art „Arbeit“. Aber man tut sie nicht – die Trauer überfällt einen, sie ergreift von einem Besitz, sie nimmt einen in Beschlag. Man wird von ihr bearbeitet. Wir können ihr nicht entkommen, wir sind manchmal mittendrin, und wir müssen hindurch. Wenn es uns gelingt, durch sie hindurch zu kommen, dann können wir uns schon glücklich schätzen. Aber auch dann liegt sie nicht „hinter uns“ – wir tragen diese Trauer immer mit uns herum – manchmal als schweres Gepäck, manchmal vielleicht auch etwas leichtere Bürde, zum Glück, denn sonst würden wir es nicht packen.

    Und wieder das Sonderbare: Wir kommen durch, drch diese Arbeit, durch diese Trauer. Es geht ja auch gar nicht anders. Wir können ihr nicht ausweichen.
    -
    Ich werde demnächst noch einen kleinen Beitrag über Sebastian bringen. Dazu werde ich meinen alten PC wieder in Betrieb setzen und mich in die e-Mails vertiefen, die ich in den vergangenen fünf Jahren mit Sebastian gewechselt habe. Es waren nicht allzu viele – aber Sebastian war ein besonderer Mensch. -

    Kommentar von Regina — Januar 6, 2008 @ 9:18 | Antworten

  3. Lieber Zettel,
    herzlichen Dank für Deine anteilnehmenden,anerkennenden Worte.
    Zum Begriff der Trauerarbeit haben Du und Regina wichtige Aspekte hervorgehoben. Für mich ist dieser virtuelle Weg ein Neuer,überraschend hilfreicher Weg,mit dem Tod von Schrippe fertig zu werden.
    webwatch – ich weiss,ihr mögt euch nicht mehr besonders gut leiden,aber ich greife derzeit jeden gedanklichen Strohhalm auf – hat einen interessanten,persönlichen Gedanken zur Trauer in der virtuellen Welt im Notquartier geäussert:

    >>Ganz ehrlich, … ich hab in meinem Leben genug Trauer gehabt, deshalb auch sehr sorgfältig ausgewählt, welche Einladungen in real life ich annehme und wo ich lieber auf Distanz bleibe. Und ich hab mich viele Jahre der Illusion hingegeben, daß solche Internetkontakte hier „unverbindlich“ sind. Ich lebte in der trügerischen Gewißheit, daß aus solchen „Kontakten“ kein Schmerz erwachsen könne. Man stellt „die Kiste“ ab und das war´s.
    EBEN NICHT.

    Es bleibt bei dem, was Saint Ex so einfühlsam in seinem Petit Prince feststellt:

    Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was Du Dir vertraut gemacht hast.

    Und wir haben uns hier alle bis zu einem gewissen Grad einander „vertraut gemacht“.
    Puuh !!!
    Also Betroffenheit.<<

    Es geht um die Frage der Erwartung an das Internet,die Plattformen,seine Persönlichkeiten und die daraus entstehende Verantwortungsbereitschaft.Diese Entscheidung trifft jeder für sich. Ich erinnere mich noch an Zeiten,in denen in Foren und Chats das reinste Neandertal ausgebrochen war,überall waren Keulenträger unterwegs und es ging meist unverantwortlich zur Sache,reine Irrenhäuser bevölkerten den virtuellen Raum.
    In diesen Zeiten habe ich ja auch Schrippe kennen gelernt und er war immer hilfreich,wenn es um die Nutzung des Internets ging,ich war zwar nicht ganz unbeleckt,was den Rechner/PC anging,aber die sozialen Entwicklugen im Netz kann ich mir ohne Schrippes Gedanken und tatkräftige Unterstützung kaum vorstellen – ich habe auch erst Mitte der 90iger die sozialen Funktionen des Fernsehens besser verstanden.
    Die Trauerarbeit im virtuellen Raum ist ein Teil der Arbeit,wie sie sich im real-life auswirkt,kann ich nur langsam erahnen. Vor allem im Vergleich zu den Trauer-Vorgängen der letzten Jahre. Ich erlebe das hier als sehr unterstützend und als eine wichtige Ergänzung zu Telefon und persönlichen Gesprächen.
    Im Prinzip kann hier jeder jedem kondolieren,und es ist passend.Wie das auf die Familienangehörigen wohl wirkt? Ich hoffe,sie melden sich auch noch hier im Blog.
    Herzlichst
    Zuppi

    Kommentar von zuppi — Januar 6, 2008 @ 1:02 | Antworten

  4. Ich kannte Schrippe, wie sicherlich die meisten hier, über die Beschäftigung mit der Politik. Das erste mal habe ich ihn am 25. November 2000 in einer bunt und vorallem sehr gegensätzlich zusammengewürfelten Diskussionsrunde getroffen. Wenn ich jetzt zurückdenke an diesen 25. November, ist das wieder einer dieser Momente in denen man realisiert wie schnell die Zeit vergeht…
    Über sein politisches Interesse und sein Engagement mag ich hier gar nicht schreiben, dafür kennen wir ihn ja alle und das haben hier ja auch schon viele Andere getan. Eine andere Leidenschaft die mich mit Schrippe verband, waren nämlich Computer. Ich erinnere mich noch wie wir an dem Abend mit einigen Anderen in irgendso eine kleine Kiezkneipe gingen und das Gesprächsthema von irgendwelchen kruden politischen Theorien zur Informatik umschwenkte. Er fand es damals total spannend, das ich zu dieser noch mit einem alten Amiga-Computer im Internet surfte und nicht wie alle Anderen, schon mit einem herkömmlichen PC. Er hat mich über die Jahre immer wieder damit aufgezogen, das ich mir keinen zeitgemäßen Computer kaufen wollte. Das sind Sachen an die ich viel lieber zurückdenke, wenn es um Schrippe geht.
    Politik sollte da meiner Meinung außen vorbleiben, auch wenn ich sagen muss, das Schrippe maßgeblich dafür verantwortlich war, das ich in diesem Jahr das Studium der Politikwissenschaft aufgenommen habe. Letztendlich ist unsere Freundschaft über die Jahre und die Distanz (ich wohne in einem anderen Bundesland als er) oft ein nwenig eingeschlafen. Umso mehr hatte ich mich gefreut das ich ihn letzten Monat am 01.12., natürlich auf einer Demonstration, unerwartet wieder getroffen habe. So ganz verstehe ich das alles noch nicht und ich hoffe mir ist hier keiner böse, wenn ich so einen Kommentar ohne viel wichtigen Inhalt verfasse, denn es hilft mir ungemein, wenn ich darüber schreiben kann.
    Am 03.01. habe ich noch ein Päckchen von ihm im Briefkasten gehabt…

    … in stiller Trauer
    Schoki/Stephan

    Kommentar von Schoki — Januar 6, 2008 @ 9:46 | Antworten

  5. Lieber Schoki,
    herzlichen Dank für Deine persönlichen Gedanken und Erinnerungen an Schrippe, sie gehören genau auch hierher. Ich erinnere mich noch an Dich,es war ein Event in Berlin und Du hast enen braunen Hoodie mit NaziHunter-Emblem neu besorgt,anschliessend sassen wir noch in einer der dunklen Berliner Spelunken in einer grösseren Gruppe beisammen,ich glaube,das waren Leute aus Haiderland. Aber vielleicht werfe ich da auch zwei Events zusammen.
    Herzichen Dank für die Beteiligung an der virtuellen Trauergemeinde,mir hift diese Art des Austauschs auch sehr beim Klarkommen mit diesem obskuren Tod von Schrippe.
    Ebenfalls sehr traurig
    Zuppi

    Kommentar von zuppi — Januar 6, 2008 @ 11:26 | Antworten

  6. Bin erschüttert. Ich hatte vor Weihnachten noch über die Broschüre „Sozialdemagie der Nazis“ gesprochen, die wir in der Projektgruppe „Rechtsextremismus“ der SPD im neuen Jahr schreiben wollten… Er war voller Elan und Begeisterung. Hatte ihm zwischen den Jahren noch berichtet, dass wir Richard Stöß gewinnen konnten.
    Mann oh mann.
    Mein tiefes Beileid.

    Kommentar von Christian — Januar 14, 2008 @ 3:38 | Antworten


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