Schrippes Mutti
hat es um die Osterzeit richtig krass im Rücken erwischt,mit Klinik,ReHa und allem PiPaPo. Von dieser Stelle die besten Genesungswünsche ![]()
hat es um die Osterzeit richtig krass im Rücken erwischt,mit Klinik,ReHa und allem PiPaPo. Von dieser Stelle die besten Genesungswünsche ![]()
Die Mutter von Schrippe hat auf der gestrigen Trauerfeier im Krematorium-Ruhleben eine kurze Ansprache zu den Trauernden gehalten.Ich selbst war in der Trauerhalle innerlich zu ergriffen von der Situation,war zu versteinert für irgendwelche Abschiedsworte.
Hier nun die ausführlichen Abschiedsworte von Sebastians Mutter,die gestern durch die tiefe Trauer nicht so ausführlich gesagt werden konnten.

Liebe Freunde, Kollegen und Genossen von Sebastian.
Ich danke Ihnen ganz herzlich, dass sie heute gekommen sind, um mit mir gemeinsam Sebastian die letzte Ehre zu erweisen. Besonders danke ich Herrn Jann, der einen wichtigen Termin im Ausland verlegt hat und Professor Jesse, der aus Chemnitz angereist ist ,genauso wie den Freunden ,die aus ganz Deutschland gekommen sind, davon einige, die Sebastian nur aus dem Internet kannte.
Ich freue mich, dass Sebastian so viele Freunde oder zumindest Bekannte hatte, die ihn vermissen werden und die traurig sind, dass er nun nicht mehr unter uns weilt.
Vor 3 Monaten haben wir erst meine Mutter begraben und wir haben danach über diese Trauerfeier gesprochen. Er hätte es nicht gewollt, dass heute ein fremder Mensch die letzten Worte über ihn spricht.
Übermorgen wäre er 27 geworden. Er hatte sich zum Geburtstag die Schwanensee-CD gewünscht, deshalb hören wir heute Stücke daraus.
Es hieße Eulen nach Athen zu tragen, wenn ich heute über seine guten Eigenschaften sprechen wollte, wie klug, hilfsbereit und verständnisvoll er war. Denn sicher hat fast jeder hier den Trauerblog, welchen sein Freund Zuppi eingerichtet hat oder „Zettels kleines Zimmer“ ,mit welchen er oft im Streitgespräch lag, besucht. Und ich danke den vielen, die dort mit mir trauerten und ihr Zusammentreffen mit ihm schilderten.
Nein, er war kein Held, er war mein Sohn, und einen besseren hätte ich nicht haben können.
Als Junge mochte er es nicht, den Mülleimer rauszubringen oder sein Zimmer aufzuräumen. Aber er stand mir immer zur Seite, egal wie alt er war und wie schlimm es war.
Sogar als er noch nicht geboren war. Mitten in der ML- Prüfung in Potsdam, bekam ich genau zur richtigen Zeit Senkwehen und die Prüfungskommission war froh, als ich wieder draußen war.
Er hat nie geheult, weil er im Kindergarten der letzte war, Mutti musste ja mit Ihren Kollegen einen ganz neuen Betrieb bauen. Aber die Wochenenden gehörten uns und das nutzten wir aus.
An so einem Wochenende gingen wir zu einem Volksfest in Lichtenberg. Irgend eine Familie hatte einen Müllcontainer bestellt, um zu entrümpeln. Obenauf lag ein kleiner Hund. Er wollte unbedingt, dass ihn sein Papa vom Müllcontainer holt. Er weinte und meinte dass der Hund doch dort sterben muß. Alles Reden half nichts. Also holte ich ihn mit spitzen Fingern, besorgte mir am ersten Stand eine Plastiktüte und verstaute ihn darin. Nach 3 Tagen in Seifenwasser und mehrfachen Nähabenden durfte er ihn dann bekommen. Seinen Mülli, er saß viele Jahre auf seinem Bett und beschützte ihn. Er hatte ihm ja das Leben gerettet. Irgendwann kam die Zeit seine Plüschtiere zu verschenken.
Ihn habe ich vor 2 Wochen in seinem Bettkasten gefunden
Als dann eine Illusion zusammenbrach und sein Vater daran, konnte ihm kein Mülli helfen. Es begann für uns eine sehr schwere Zeit. Wir beide rückten immer enger zusammen und standen es durch.
Er wollte eigentlich Informatik studieren, aber Mathe war nicht gerade sein bestes Fach. Also drehte er sein Lebensziel um, Wählte sein Hobby , die Politik, zu seinem künftigen Beruf und die Informatik zu seinen Hobby und beides mit großer Begeisterung.
Wie aufgeregt er immer vor den Prüfungen war und alle ringsum genervt hat. Und dann war es doch immer ein gut oder sehr gut. Und es ging immer weiter so.
Als ich vor über 2 Jahren plötzlich gekündigt wurde, da ich den Betrug des Arbeitsdirektors nicht mittragen wollte, nahm er mich in den Arm und tröstete mich: „Das hast Du völlig richtig gemacht, man muß seinem Gewissen folgen“. Da wurde mir richtig bewußt, wie erwachsen er geworden war.
Wie hat er sich gefreut als ich im Oktober einen neuen Job bekam und dann im Dezember sein Stipendium. Das Leben war für ihn schön und er staunte immer über seinen Erfolg und meinte: „Ich mache doch nur mein Hobby und meinen Job“. Aber das machte er eben mit Begeisterung. Einem Freund im Internet schrieb er“ So kann es ewig weitergehen!“
Leider wird dieser Wunsch nun nicht in Erfüllung gehen und daran trägt nicht er die Schuld, dessen bin ich mir sicher.
Lassen Sie uns noch ein kleines Stück aus Schwanensee hören und dann bitte ich Herrn Professor Jesse und Professor Jann um ein paar Worte des Gedenkens.
PS:
Sollte sich in den nächsten 4 Wochen immer noch keinerlei Ermittlungsfortschritt zeigen,wird Sebastians Mutter ihre Einlassungen an die Berliner Staatsanwaltschaft veröffentlichen.Die Sicherheitsorgane haben sich zur Aufklärung von Schrippes Tod nicht gerade mit Ruhm bekleckert und das ist jetzt noch diplomatisch formuliert.
Schrippe besass mehrere USB-Sticks,keiner wurde in der Wohnung nach Schrippes Tod gefunden.
Hat irgendjemand da draussen eine Ahnung,wo sich diese Speichermedien befinden könnten?
Möglicherweise beinhalten diese wichtige Infos,die zur Aufklärung des Todes beitragen können.
Bitte ,meldet euch bei der Familie von Sebastian unter: kloeppel [ät] gmx [dot] de
Herzlichen Dank
Die BVG streikt heute in Berlin - Bus,U-Bahn und Tram. Die S-Bahn und Regionalbahn fährt aber. Schrippes Mutter hat einen Auto-Shuttle eingerichtet:
Am S-Bahnhof Stresow (das ist eine Station vor S-Spandau) ab 12.30 Uhr wird ein PKW am Taxistand mit dem Schild SEBASTIAN die Trauergemeinde zum Krematorium Ruhleben befördern.
Die Mutti von Sebastian hat gestern mitgeteilt:Die Trauerfeier für Sebastian findet in Berlin statt
Freitag, den 01. Februar 2008
13.00 Uhr
Krematorium Ruhleben
Am Hain 1
13597 Berlin-Charlottenburg
(Anfahrt mit Bus oder S-Bahn: U7 Rathaus Spandau von dort aus M45
U2 Ruhleben von dort aus M45, 131)
Oder seht in Stadtplan.de nach!
Es werden einige Freunde Erinnerungen,Gedanken und Abschiedsworte für
Sebastian vortragen, anschliessend gibt es die Möglichkeit eines kleinen
Beisammenseins.
Sebastian wird dann am künftigen Wohnort seiner Mutter im Familienkreis
beigesetzt.
Die Mutti von Sebastian würde sich freuen,wenn sich die Interessenten für
die Teilnahme an der Trauerfeier hier im Trauer-Blog oder bei ihr per Email
kurz melden könnten.
Seit dem 03.01.2008 denke ich immer wieder darüber nach, wie es zu dieser Tragödie kommen konnte. In den Telefonaten der letzten Tage begegnete mir meist ein mir vertrauter, bekannter Schrippe. Ohne den abschliessenden Erkenntnissen der Polizei vorgreifen zu wollen, möchte ich hier einige Gedanken loswerden. Er war ein rationaler Mensch, er hatte ein hohes Mass an Sensibiltät und Einfühlungsvermögen in die Lage seines Gegenüber,er war wissbegierig und niemals vorschnell in seinem Urteil. Ich frage mich seit der Todesnachricht, an welcher Stelle gab es jemals Anhaltspunkte für Todfeindschaften oder einen unglücklichen Aspekt in seinem viel zu kurzen Leben?
Die genauen Tatumstände liegen ja noch weitestgehend im Dunkel und der Polizeibericht wird wenigstens die Tatzeit erhellen. Also ist die Aufstellung von Hypothesen eine verständliche Reaktion der Trauernden.Es liegt kein Abschiedsbrief vor, eine Selbsttötung ist somit nibulös, ich habe die Suizid-Variante in den vergangenen Tagen auch lieber verdrängt, sie hinterlässt sehr viele offene emotionale Fragen,die mit Schuld- und Verantwortungsgefühlen verbunden sind. Die Frage, an welchen Punkten ich als Teil von Schrippes sozialen Umfeld nicht richtig, mehr angemessen oder ganz anders hätte handeln oder reagieren können ist bohrend und letztlich selbstzerstörerisch,sie führt nicht weiter. Aber sie beschäftigt wohl viele Menschen aus seinem Umfeld.
Ich denke auch öfters darüber nach,ob es einen ominösen Unbekannten geben kann,der in den letzten Stunden von Schrippes Leben eine Rolle spielte. Es gab Hinweise - aber keine Beweise -, dass Schrippe am Neujahrstag nicht alleine in seiner Wohnung war. Eine Spekulation, ein verständlicher Erklärungsversuch bei der dürftigen Faktenlage, wohl nicht viel mehr als das??
Was ich auch komisch fand,waren die Störungen im Telefonverkehr im Festnetz im Dezember 2007 - selbst die Todesnachricht erreichte mich erst nach einigen Versuchen seitens Schrippes Mutti,, eine alltägliche Nerverei: Schrippe rief mich an,ich konnte ihn hören,er aber mich nicht.
Seine Befassung mit den ideologisch rechtsextremen Politströmungen war nie ungefährlich, aber hier gibt es eine Abfolge wahrscheinlicher Eskalationsstufen: Warnungen, kriminelle Interventionen unterschiedlicher Intensität bis hin zur Morddrohung. Keiner dieser Schritte gegen Schrippe durch Extremisten ist bekannt.Ich hatte mit Schrippe dieses Thema bei unserem letzten Anruf auf der Agenda, wir haben über den Selbstschutz nachgedacht, weil er nun immer näher an rechtsextreme Strukturen herankam, deren Protagonisten auch heute noch aktiv sein würden. Gemäss dem Sun Tzu Zitat “Kenne Deinen Feind und kenne Dich selbst, dann wirst Du aus 1000 Schlachten unbeschadet hervorgehen” plante er seine Recherchen in einem politikwissenschaftlich bisher kaum erschlossenen Forschungsfeld. Er musste mit den Publizierenden und den Vertreibern dieser Propaganda in Kontakt gehen, um die Texte zu beschaffen. Für diesen Rechercheteil seiner Arbeit haben wir sichere Beschaffungskanäle angedacht,aber diese Punkte waren noch unausgereift und standen ersteinmal an ihrem Anfang, ein Punkt von vielen für die vermeintlichen Diskussionen im neuen Jahr.
So souverän,selbstsicher und liebenswert Schrippe im kollegialen und freundschaftlichen Umgang auftrat,konnte ich kaum glauben,wie unsicher,unerfahren und manchmal unbeholfen er im Aufbau von engeren,intimeren Beziehungen erschien.Wir haben dieses Thema in den vielen Jahren unserer Freundschaft vielleicht drei oder vier Mal besprochen: Vor mir sass dann ein erwachsener junger Mann, der mir seine schwärmenden Gefühle für einen anderen Menschen zu beschreiben versuchte, was ihm leidlich gelang. Ich fühlte mich an die ersten Gefühlshöllen meiner Pubertät erinnert,wir haben einen pragmatischen Umgang mit diesen Emotionen besprochen und aus der Schwärmerei entstand dann wohl keine Liebesbeziehung, aber eine langjährige Freundschaft.Schrippe sagte oft,”Familie,Garten und ein PKW in der Garage” seien nicht gerade seine vordringlichen Lebensziele, “zuerst kommt die Wissenschaft,dann kümmere ich mich um den Rest”. Aber worin bestand wohl dieser Rest? Ich weiss es nicht.Ich war auch in den letzten Jahren für diese Thematik kein guter Gesprächspartner. Ich hoffte,in diesen Angelegenheiten bekommt er von Anderen eine Unterstützung. Es hatte nichts mit Schrippe zu tun,aber ich war von den Diskussionen in und über Partnerschaftsauseinandersetzungen einfach ausgebrannt.
Sicherlich hatte Schrippe keine leichte Kindheit,sein Vater starb in seiner Jugendzeit und die Zeit bis dahin war für die Familie eine sehr schwere Zeit.Die Umbrüche in der Wendezeit haben Schrippes Vater zermürbt und die Familie höchstem Stress ausgesetzt. Dieses Klima kann nicht ohne einschneidende Folgen für ihn geblieben sein. Aber ich hatte den Eindruck,er hat diese Erlebnisse gemeinsam mit seiner Mutter,der Familie und seinen Freunden soweit überwunden,so dass er seinen Weg weitergehen konnte.
Soviel ich auch nachdenke,es kommt einfach kein plausibler Gedanke in meinen Kopf,warum Schrippe nicht mehr da ist.
Matetee: Zuerst war er für mich “Schrippe”. Die Berliner wissen, was eine “Schrippe” ist - ich wußte es nicht, für mich war es nur ein abstrakter Begriff, vielleicht der Name von dem, dessen Internet-Forum ich entdeckt hatte.
Schrippe - oder vielmehr das “Schrippe-Forum” ließ mich nicht mehr los. Besonders nicht der Moderator in diesem Forum. Schrippe war einer, der den Sachen auf den Grund ging. Wo es Vorurteile gibt, wollte er diese bestätigt sehen - oder eben niederlegen. Oder er wollte sich selbst ein Bild machen und dann seine eigene Bewertung vornehmen. Das war schon etwas Besonderes.
In der Folgezeit wechselten wir einige E-Mails. Seine Mails waren gekennzeichnet von Rücksicht und Feinfühligkeit. Ein einziges Mal, am 31.5.2001, setzte er eine Signatur unter seinen Text. Sie lautete:
Kenne Deinen Feind und kenne Dich selbst, dann wirst Du aus 1000 Schlachten unbeschadet hervorgehen.
Sun Tzu
Später lernte ich Schrippe persönlich kennen. Das war, genau gesagt, am 22. November 2002. Ich hatte an diesem Tag zusammen mit meinem Mann in Berlin etwas bei der chinesischen Botschaft zu erledigen, und im Vorfeld vereinbarten Schrippe und ich per e-Mail, daß wir uns bei dieser Gelegenheit dann doch “mal eben” in Berlin treffen könnten. Am 20.11.02 schrieb Schrippe an mich:
“… Ich denke auch, daß wir uns problemlos erkennen - zur Sicherheit: ich messe etwa 1,85 m und werde wahrscheinlich einen schwarzen Mantel mit grauem Schal tragen. Sofern ich noch eine bekomme, werde ich mich ausserdem mit einer Ausgabe des “Freitag” zu erkennen geben
Also dann, bis 14:00 vor dem Schauspielhaus!”
Und ich schrieb am gleichen Tag an ihn zurück:
“… Also - woran Du mich erkennen kannst - ich weiß ja auch nicht, wieviele Leute da sind:
Mit Mantel (wahrscheinlich schwarz), und keine lange Hose (das ist fast schon Erkennungszeichen genug, denn die meisten Frauen tragen Jacke und Hose), halblange dunkelblonde (braune) Haare und Brille. Und ein bißchen Farbe auf den Lippen. Und, sagen wir mal so: Ein bißchen sehr älter als Du
Ja, und meinen Fotoapparat werde ich wahrscheinlich dabei haben …”
Mein Mann wollte sich eigentlich dabei nicht “einmischen” und in dieser Zeit etwas anderes in Berlin tun. Aber als wir Schrippe trafen, da war es so, als hätten wir uns schon immer gekannt. Wir blieben alle drei zusammen, und wir gingen in ein Bistro, fotografierten ein bißchen, saßen zusammen und redeten in einer überaus entspannten Atmosphäre. Wie ich mich an diesem Tag von Schrippe verabschiedet habe, habe ich an anderer Stelle schon berichtet.
Schon vor diesem Tag war aus dem “Schrippe” für mich ein Sebastian geworden. Nach unserem Besuch in Berlin schrieb ich ihm:
“Mein Mann hat mir vorgestern gesagt, daß er Dich mal mit “Herr Schrippe” angesprochen hat. (LOL) Das habe ich gar nicht gemerkt, habs einfach überhört, und Du vielleicht auch. Wenn nichts, macht es ja auch nichts ;-)”
und Sebastian schrieb zurück:
“stimmt
Es ist mir wahrscheinlich auch deshalb nicht aufgefallen, weil ich es gewohnt bin - meine engeren Freunde nennen mich auch ausserhalb des Internets Schrippe - und bei den meisten Internetbekannten, die ich irgendwann einmal ‘real’ getroffen habe, war es eigentlich genauso. Also, überhaupt kein Grund zu Beunruhigung.”
Da die Zeit an diesem Tag viel zu schnell verging, planten Sebastian und ich für den darauffolgenden Sommer ein neues, längeres Treffen: Da ich Berlin noch nicht kannte, wollte ich für einen Tag dorthin reisen und er wollte mich in Berlin begleiten unter gleichzeitigen Gesprächen und Diskussionen. Zu diesem Treffen kam es dann auch, und darüber berichte ich an dieser Stelle vielleicht ein andermal.
Ich schickte an Sebastian die Fotos, die wir an diesem Tag gemacht hatten. Ich glaube, er wollte ganz gerne eines davon in seinem Forum veröffentlichen, aber ich wollte es damals nicht so recht und schrieb ihm das auch:
“Dagegen habe ich wieder ein bißchen Bedenken bekommen bezüglich der Veröffentlichung eines Bildes. Also - wenn’s nicht unbedingt sein muß, dann vielleicht lieber nicht. Wir können ja noch einmal drüber reden, bevor es so weit wäre.”
Und danach wurde über die Veröffentlichung eines Fotos nicht mehr gesprochen.
Ich füge heute eines dieser Fotos ein …

-
De mortuis nil nisi bene. Das folgende würde ich aber auch sagen, wenn Sebastian noch leben würde: Sebastian war einer von den Guten. Sebastian war einer von denen, die man nicht vergißt. Sebastian war gegen Gewalt und gegen Unehrlichkeit. Sebastian war einer, denen man trauen konnte. Und leider müssen wir Sebastian nun betrauern … heute morgen war ich am Grab meines Sohnes. Am 26. November 2007 wäre mein Sohn 25 Jahre alt geworden. Aber am 22. Dezember 2006 kam er ums Leben, und am 9. Januar 2007 haben wir die rote chinesische Holzurne mit seiner Asche auf unserem Friedhof beigesetzt.
Ich habe heute zwei Kerzen an dem Grab meines Sohnes angezündet, eine für Bernhard und eine für Sebastian.
Bernhard war ein überzeugter und gläubiger Katholik. Er glaubte an das Ewige Leben. Sebastian war ein Suchender. Ich glaube, das sagen zu können. Beide gehörten zu den Guten, die früher sterben müssen. Alle diese Menschen hinterlassen uns ein Vermächtnis: Sie sagen uns, daß wir behutsam miteinander umgehen sollen, wenn wir hier eine bessere Welt schaffen wollen …
In seinem Forum hatte Schrippe voreingestellt, daß jeder Beitrag mit dem Wort “Matetee” beginnt. Jeder Neue fragte früher oder später: “Warum steht da immer Matetee?”
Sebastian und Bernhard haben jetzt alle Zeit der Welt. Sie haben Zeit, auf uns zu warten, die wir noch einiges zu erledigen haben oder glauben, daß wir es erledigen müssen. Und wenn wir eines Tages zu euch kommen:
Dann, lieber Sebastian, hoffe ich, daß Du uns mit einer großen Kanne Matetee begrüßen wirst. Und Bernhard wird an Deiner Seite stehen und uns mit Dir erwarten …
Der Tod ist nichts,
ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen
ich bin ich, ihr seid ihr
das, was ich für euch war bin ich immer noch
gebt mir den Namen, den ihr mir immer gegeben habt,
gebraucht keine andere Redeweise
seid nicht feierlich oder traurig
lacht weiterhin über das worüber wir gemeinsam gelacht haben
betet, lacht, denkt an mich
betet für mich,
damit mein Name im Hause ausgesprochen wird
so, wie es immer war
ohne irgendeine besondere Bedeutung
ohne die Spur eines Schattens
das Leben bedeutet das, was es immer war
der Faden ist nicht durchschnitten
warum soll ich nicht mehr in eueren Gedanken sein
nur, weil ich nicht mehr in eurem Blickfeld bin?
Ich bin nicht weit weg,
ich bin nur auf der anderen Seite des Weges!
Ich denke,also bin ich.
Schrippe war immer ein sehr rationaler Mensch, Überzeugungen konnte er immer so hinterfragen, dass ein Argument herauskam, mit dem dann weiter gedacht werden konnte. War das nicht möglich,landete die Überzeugung im Fabelland in einer unteren Denkschublade, nicht vergessen,aber eben erstmal heraus aus dem Kopf. So haben wir uns in der Linken kennen gelernt, in den sog. neuen sozialen Bewegungen,die auch in Deutschland nach dem Machtwechsel von Kohl zu Schröder ein gewisses Wachstum erlebten. In jahrelangen Diskussionen haben wir die revolutionäre Linke durch- und mitgedacht und letztlich ins Fabelland abgelegt, er ging in die Sozialdemokratie,ich hatte mit meinen Parteierfahrungen bei den GRÜNEN in den achtziger Jahren sowieso genug vom Parteileben. Übrig blieben uns die Ebenen im Nachdenken,Diskutieren und Publizieren.Ab und zu gingen wir noch auf Demos, die letzte gemeinsame Manifestation war die stasi 2.0 Demo in Berlin im Hersbt 2007. Im letzten Sommer machte Schrippe ein Praktikum bei einem Verein zur Förderung der Demokratie in Pirna. Das weit verbreitete rechtsextreme Gedankengut in diesem Teil Deutschlands hat ihn sehr schockiert,er wusste schon,was in dieser Region politisch so los war. Aber es ist eben etwas anderes,andauernd mit Menschen zu tun zu haben,die Antisemitismus,Nationalismus und totalitäres Denken ganz alltäglich Leben. Er überprüfte und änderte sein Aufklärungskonzept für diese Region. Schrippe war immer ein Aufklärer,der sich von Denk- und Sprachtabus nicht ausbremsen lassen wollte, der immer die eigene Einsicht gegen externe Verbote bevorzugte: Menschen können ihre Einstellungen verändern,das war sein Credo. Und so hat er auch mit den Menschen diskutiert. Was mir oft wie endlose Geduld vorkam,war für ihn selbstverständlich: Zuhören,hinterfragen,Perspektivenwechsel und eine abschliessende Einschätzung,ob weiterdiskutieren lohnt oder eher doch nicht,so hat er Kontakte nicht nur im politischen Raum gebaut. Wenn ich drohte, bärbeissig zu werden, reichte eine Geste und die Debatte konnte nach einer Zeit doch weiter gehen. Das ist mir nicht immer gelungen,ich bin eben ungeduldig und gehe auch schnell auf die Palme. Aber Schrippe hat so gut wie nie aufgegeben, ausser bei den absolut hoffnungslosen Fällen,aber die waren wohl selten. Gerade bei Diskussionen mit jüngeren Menschen hat er mich dafür öfters tadeln müssen: Das ist wie Welpen verprügeln,sagte er zu mir unter vier Augen und ich schämte mich für mich selbst.
Ich kann jetzt erstmal nicht mehr weiter schreiben …….
Nach dem Anruf von Sebastians Mutter war ich ersteinmal völlig platt, Sebastian aka schrippe kann doch nicht einfach so tot sein?

Nach dem Am 2. Weihnachtsfeiertag haben wir noch telefoniert, er war gerade von den Familienfestlichkeiten bei seinem Bruder aus Kiel nach Berlin zurückgekehrt, wir tauschten die aktuellsten News über die Diss, Recherchen,etc. .. aus, für Sylvester hatte jeder von uns eigene Pläne, aber im neuen Jahr wollten wir uns wieder treffen. Nach Neujahr ging er aber nicht mehr an sein Telefon, ich wunderte mich darüber, war aber noch nicht besorgt, da er mir beim letzten Telefonat erzählte, er habe viel Schreibarbeit und er müsse sich dazu die nächste Zeit zu Hause etwas “einbunkern” - was er in intensiven Arbeitsphasen schon zu Studienzeiten an der Uni-Potsdam öfters so machte. Das war sein Arbeitsstil.
Die Mutter von Sebastian - sie arbeitet in Leipzig - war besorgt, sie verständigte dann auch am Donnerstag die Berliner Polizei, die Sebastian stranguliert in seiner Wohnung aufgefunden hat. Die genauen Ursachen für diese Tragödie sind noch unklar. Die Polizei ermittelt.
Eine halbe Stunde nach dem Anruf der Mutter funktionierte die Telefonkette und die engsten gemeinsamen Freunde von schrippe und mir tauschten sich über die unfassbare Nachricht aus. Es fällt mir nicht leicht, aber ich habe vor gut 5 Jahren diese ganze Gefühlshölle schon einmal durchgemacht - grösstenteils alleine - und das war ein Fehler.
Alle, die Sebastian Dittrich aka schrippe kannten, mögen sich hier im Blog informieren und äussern. Wir müssen mit der Bürde weiter leben, einen wertvollen Menschen verloren zu haben. Das fällt leichter, wenn sich hier Trauer und Rückblick zu einem abschliessenden Bild von Sebastian vereinen. Das ist jedenfalls meine Hoffnung.
PS: Eigenständige Beiträge anderer Autoren stelle ich hier gerne als solche online, gebt mir über die Kommentarfunktion/email kurz darüber bescheid. Auch Bilder, Videos und Tondokumente können hier bereitgestellt werden.