Sebastian Dittrich Kondolenzblog

Februar 4, 2010

Tim

Abgelegt unter: Bio, Der Abschied, Gastbeiträge — admin @ 4:51 pm
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Das Internet verändert die Art, wie wir mit Menschen in Kontakt treten, ihnen Nahe kommen und wie wir uns wieder von ihnen entfernen. So hat das Internet auch meine Freundschaft zu Sebastian bestimmt. 1998 war das Jahr, in dem ich ihn kennen lernte – auch wenn ich ihn, wie so viele, zunächst nur unter dem Namen Schrippe kannte. Ich hatte damals, nach vielem Ach und Krach, meine Schullaufbahn abgebrochen. Vorzeitig, ohne einen Abschluss. Um all die damit einhergehenden, persönlichen Probleme zu vergessen, vergrub ich mich in Büchern, etwa in der Lektüre von Robert Jordans Fantasyreihe “Das Rad der Zeit”. Das Internet bot mir damals, lange vor World of Warcraft & Co, die Möglichkeit, meinen Eskapismus um eine soziale Dimension zu erweitern. Ich kreierte eine Internetseite: www.radderzeit.de, mit einem angeschlossenen Forum. Unter den ersten, die sich dort einfanden, war Schrippe. Dass dieser auch einiges zu verdrängen hatte, erfuhrt ich erst viel später von ihm. Ebenso wie Internetforen Realitätsüberdrüssigen aller Couleur als Fluchtburgen dienen – wie sie Sebastian sich in seiner Beschäftigung mit rechtsextremen Sektierern ja später zum Gegenstand seiner Untersuchungen machte – kann es umgekehrt auch einen geschützten Raum eröffnen, in dem für eine Weile eine Art “herrschaftsfreier Diskurs”, gelöst von sozialen Zwängen und Ängsten, möglich wird…

Doch diese Möglichkeit steht und fällt mit den Menschen, auf deren – zunächst virtuelle – Begegnung man sich einlässt. Ich hatte das unschätzbare Glück an diesem kritischen Punkt meiner persönlichen Entwicklung auf Schrippe zu treffen und mich von seinem glühenden intellektuellen und politischen Interesse anstecken zu lassen. Dank ihm wandelte sich das Forum, das eigentlich dem Austausch über mehr oder weniger triviale Literatur dienen sollte, zu einem Ort engagierter politischer Debatten – bis Schrippe für diese eigens ein Politik-Forum eröffnete, das in den folgenden Jahren immer reger frequentiert wurde. Daneben entwickelten wir einen engen persönlicher Kontakt über ICQ. Wir sahen uns schließlich zum ersten mal auf einem Treffen des “Rad der Zeit-Fanclubs” 2000 in Hannover, das Interesse an dem eigentlichen Gegenstand dieses Clubs hatten wir dabei natürlich längst verloren. Sebastians anhaltende Ermutigungen halfen mir damals, mein durch die gescheiterte Schullaufbahn verlorenes Selbstvertrauen wiederzufinden. Schließlich begann ich, nachdem ich 2003 die mittlere Reife nachgeholt hatte, das Abendgymnasium zu besuchen, was mich zusammen mit meiner Arbeit stark in Anspruch nahm. Zudem erschien mir meine frühere Internetnutzung zunehmend als Suchtverhalten und ich begann die Foren und Chaträume, die ich früher frequentierte, zu meiden, wie der trockene Alkoholiker die Flasche.

Darunter litt, unglücklicherweise, auch der Kontakt zu Sebastian. Ich traf ihn jedoch noch einige Male in Berlin, zuletzt 2006, kurz bevor ich mit meinem Studium in Jena begann. Wir führten, wie immer, lebhafte Gespräche und ich lernte bei dieser Gelegenheit auch Zuppi kennen. Sebastian erzählte mir damals von seinen Studien, dem anstehenden Praktikum in Pirna und wir versprachen, uns während dieser Zeit zu treffen. Leider sollte es dazu nicht kommen, da wir wohl beide zu beschäftigt waren. Als ich ihm dann vor zwei Jahren zu seinem Geburtstag gratulierte, erhielt ich keine Antwort mehr. Er war damals seit einem Monat tot. Ich erinnere mich nicht, ob ich zwischenzeitlich noch einen Kontaktversuch unternahm. Vielleicht ist es gerade die ständige Möglichkeit der Kontaktes via Internet, die uns diesen leichtfertiger vernachlässigen lässt. Vielleicht suche ich nach einer Ausrede. Fest steht, dass es ein leichtes gewesen wäre, von seinem Tod zu erfahren und ich doch erst heute, an seinem 29. Geburtstag davon erfuhr.

Nie wieder, habe ich mir heute geschworen, möchte ich eine Freundschaft in einer solchen Weise vernachlässigen. Nicht weil ich mir einbilde, dass ich irgendetwas an dem Geschehenen hätte ändern können. Sondern weil mir schmerzlich bewusst geworden ist, dass uns nur eine sehr begrenzte Zeit gegeben ist – und dass diese Zeit verloren ist, wenn wir sie nicht mit- und füreinander verbringen. Sebastian bedurfte einer solchen Einsicht nicht. Denn es war, bei aller intellektuellen Abenteuerlust, vor allem menschliche Sensibilität, die sein politisches Engagement geleitet hat – in einer Welt, in der er zu viele Ideologien und Vorbehalte und zu wenig Kritik und Gerechtigkeit sah. Und auch wenn sein Aufenthalt in ihr zu kurz bemessen war, will ich mich doch denen anschließen, die bezeugen, dass er sie uns, wo es in seiner Macht stand, als eine ein klein wenig bessere zurückgelassen hat. Ich danke Dir, Sebastian, dass ich Dich kennen durfte.

Februar 3, 2010

B-Day

Abgelegt unter: Vermischtes — admin @ 9:12 pm
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Heute ist Schrippes Geburtstag. Ich bekam eben eine Mail,ein langjähriger Freund von Schrippe hat kürzlich erst die Todesnachricht erhalten. Von ihm gibt es möglicherweise demnächst mehr hier zu lesen – ich warte noch auf sein Einverständnis zur Veröffentlichung. UPDATE: Hier der Beitrag von Tim

Ich vermisse Schrippe sehr.

Zuppi

Januar 12, 2010

Im zweiten Jahr

Abgelegt unter: Der Abschied — admin @ 11:06 pm
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Prolog

Ich bin blogtechnisch allgemein  zögerlicher geworden,von 10 gestapelten Beiträgen veröffentliche ich vielleicht einen Text. Gestern hatte ich eine Begegnung in Kreuzberg mit einem Mensch,der Schrippe vor einigen Jahren über  dol2day kannte. Die Todesnachricht erreichte ihn mehr zufällig, die “Doler” kommen und gehen eben wie es ihnen gefällt. Wir unterhielten uns über Schrippe – ich möchte da nicht weiter ausholen,die Infos liegen ja alle hier im Kondolenzblog.

Also,ich habe vor einigen Tagen einen Text gemacht,den ich nun doch  veröfffentlichen möchte. Regina hat selbstverständlich auch an Schrippe gedacht,etwas passlicher im Termin,so ist es ihre unverwechselbare Art.


Publizistisch verdrängt heisst noch lange nicht vergessen

Nach diesem ganzen saisonalen Getöse komme ich endlich zum schreiben.

Am 01.01.2010 gab es ein überschaubares Treffen in Berlin-Tiergarten, das Leben geht ja komischer Weise doch immer  weiter. Aber Schrippe fehlt an jeglichen Ecken und Enden. Erinnerungen,Studium, Arbeit, Beziehungsthemen wurden ganz in der Nähe dieses unsäglichen GRIPS-Theaters ausgetauscht.Ein neutraler Ort erschien uns angemessen.

Der Todesfall ist von den Behörden zu den Akten gelegt und ich habe mich wieder mehr der Psychoanalyse nach Siggi Freud  zugewendet. Die politischen Aussenwendungen haben mich im neuen Jahrtausend nicht besonders weit nach vorne gebracht. Eher war es doch so,dass ich in meinen Einschätzungen über Situationen meines unmittelbaren Nahbereichs stark im Irrtum verhaftet war. Das möchte ich zukünftig ändern. Das Politische bekommt eine Nebenrolle,mehr nicht.

Mein inneres Gleichgewicht kehrt langsam wieder zurück. Der Beitrag meiner Analytikerin dazu ist kaum mit Gold aufzuwiegen,vor Allem, wenn ich ihr  mit meinem Bilderleben auch noch den letzten Nerv raube.

Was ist eigentlich wichtig im Leben?

Ich denke,die innere  oder psychische Stabilität zu finden und zu erhalten. Die Kenntnis über die eigenen Bedürfnisse spielen auch eine grosse Rolle. Dann noch den Einklang mit der eigenen Gefühlswelt zu schaffen,das ist schon viel. Verzweifelungen tragen,aber auch wieder abgeben zu können. Selbstsicherheit. Freundschaften erhalten und seine Revenue abzusichern. Alles das sind wichtige Topics,um klar zu kommen. Das sind nur ein paar subjektive Beispiele,jeder mag das nach eigener Anschauung anfüllen.

Ich wünsche der Trauergemeinde dieses Blogs ein erolgreiches Jahr 2010. Das Lesen der Einlassungen hier im Netz war gut. Die Erfahrungen und Einschätzungen der Menge haben den Horizont weit geöffnet, alleine kostet das ja die Kraft, die man nach so einschneidenden Erlebnissen wie dem Tod lieber Menschen kaum aufbringt. Die Trauer eine Weile öffentlich zu erleben,war hilfreich. Letzltich ist aber jeder mit seinen Gefühlen  selbst unterwegs.

Den Angehörigen von Schrippe, insbesondere der Mutter, wünsche ich einen pfleglichen Umgang mit den persönlichen  Erinnerungen an ihre jüngeren Sohn, den Bruder, den Schwager,den Neffen,der nun nicht mehr da ist. Nur die Erinnerung des gemeinsamen Weges verbleibt. Ich lege virtuell einen kleinen Amethyst an Schrippes Grabstelle.

Mir fällt die Akzeptanz von Schrippes Schritt in den Tod immer noch unsagbar schwer – ich habe ihn aber nun als seine Entscheidung doch akzeptiert. Auch wenn ich diese Entscheidung sozial als arschig bewerte:  Sich einfach so zu verpissen ist echt ein  krasser Abgang. Vielleicht denke ich anders,wenn mich der Sensenmann holt. Vergessen werde ich meinen Freund und Begleiter  Schrippe nicht,auch wenn es nun ohne ihn irgendwie weiter geht. Das muss wohl so sein. Wer weiss,wozu das Alles gut war?

Kommt  ALLE  gut durch diese Zeit ;)

Ahoi

Zuppi

Februar 4, 2009

Sebastians Geburtstag. Gastbeitrag von Regina

Abgelegt unter: Gastbeiträge — admin @ 6:54 pm
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Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, dann hat Sebastian heute (03.02.09) Geburtstag.

Er wäre 28 Jahre alt geworden.

Deshalb möchte ich, ehe dieser Tag vergeht, seiner noch mit ein paar Worten gedenken.

Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reisen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug
Und keiner weiß wie weit.

Ein Nachbar schläft, ein andrer klagt,
ein dritter redet viel.
Stationen werden angesagt.
Der Zug, der durch die Jahre jagt,
kommt niemals an sein Ziel.

Wir packen aus. Wir packen ein.
Wir finden keinen Sinn.
Wo werden wir wohl morgen sein?
Der Schaffner schaut zur Tür herein
und lächelt vor sich hin.
Auch er weiß nicht, wohin er will.
Er schweigt und geht hinaus.
Da heult die Zugsirene schrill!
Der Zug fährt langsam und hält still.
Die Toten steigen aus.
Ein Kind steigt aus. Die Mutter schreit.
Die Toten stehen stumm
am Bahnsteig der Vergangenheit.
Der Zug fährt, er jagt durch die Zeit,
und niemand weiß, warum.
Die 1.Klasse ist fast leer.
Ein feister Herr sitzt stolz
im roten Plüsch und atmet schwer.
Er ist allein und spürt das sehr.
Die Mehrheit sitzt auf Holz.
Wir reisen alle im gleichen Zug
zur Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug.
und viele im falschen Coupé.

Ich möchte noch hinzufügen, daß das obige Gedicht von Erich Kästner ist.

Und vor allen Dingen:

Sebastian – auf immer unvergessen.

Januar 3, 2009

Ein Jahr

Abgelegt unter: Der Abschied — admin @ 3:39 pm
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Am 03.01.2008 erhielt ich telefonisch die Todesnachricht von Schrippes Mutter. Es war ein ganz normaler Januarabend. Die polizeilichen Ermittlungen ergaben einen Suizid ohne Abschiedsbrief. Ich bin nach wie vor ratlos.
Heute Abend treffen sich einige Freunde von Schrippe in Berlin.

UPDATE 04.01.2009

Es war eine  kurzfristig einberufene  Zusammenkunft der Drei Musketiere an einem gemeinsamen Ort, den wir damals mit Schrippe so oft heingesucht haben. Der Vierte war leider malade und konnte nicht dabei sein, beste Genesungswünsche an S ;) .

Das Rad der Zeit dreht sich weiter, Bachelors werden vorbereitet, Auslandsaufenthalte in Nantes  und zukünftige Studien in Süd-Afrika werden berichtet. Ein neuer Erdenbürger hat die Welt betreten, sein Name ist Joshuah. Erlebnisse an “westdeutschen” Unis werden ausgetauscht.

Die mit Schrippe untrennbar verbundenen Interessensfelder Extremismus und politische Ethik werden auch weiter geführt. Ich bin umzingelt von Sozialdemokraten, sehe mich genötigt, mein “Parteibuch” aus der Gründungszeit der GRÜNEN – ein gewachster, grüner Papierlappen – in den biographischen Pott zu werfen. Die SPD verteilt nunmehr rote  Mitgliederkarten in Form der Bahncard, das rote Parteibuch ist somit Geschichte. Diskussion libertärer Ideenvertreter:  Zwei lebende Anarchokapitalisten werden angesehen: Stefan Blankertz und Jan Narveson aus Toronto, schon der libertäre Armutsbegriff löst anstössige Assoziationen aus, bis zum Bildungsthema bin ich dann schon garnicht mehr vorgestossen.

Zu vorgerückter Stunde wird der persönliche Umgang mit Schrippes Tod ausgetauscht. Seine sterblichen Überreste sind bei Kiel bestattet. Es scheint keine Frage zu sein, ob die Trauerphasen nach Elisabeth Kübler-Ross durchlebt werden, vielmehr ist deren Abfolge und Intensität sehr unterschiedlich ausgeprägt. Wir müssen da wohl durch und der Rhythmus des sich Zusammenfindens  etwa alle  6 Monate erscheint hilfreich, um diese bizarre Erfahrung zu verarbeiten. Tja, das Leben ist kein Ponyhof.

Liebe Grüsse an die Mutti, Verwandten, Freunde und Kollegen von Schrippe ;)

Oktober 29, 2008

Hallo Zuppi, hallo an alle, die sich hier noch mal sehen lassen.

Abgelegt unter: Der Abschied, Fotos, Gastbeiträge — admin @ 8:34 pm

Nun habe ich den Artikel von Herrn Kopietz gelesen und mir geht es auch nicht besser als vorher.

Noch immer will ich nicht glauben, dass sich mein Sohn das Leben genommen hat. Zu viele Dinge sind bis heute unklar und die konnte auch kein Reporter klären. Manches im Gespräch mit ihm ist wohl etwas verkehrt angekommen und manches sehr privat, aber als Nachruf für Sebastian ist es ganz gut geworden.

Der Zeitpunkt seines Todes konnte wohl nicht genau festgestellt werden, im Polizeiprotokoll ist nichts aufgeführt. Genauso wenig steht was zu den fehlenden Sticks und den rechtsextremen Material aus Österreich ( welches nicht aufzufinden war) in den Unterlagen.

Und was seine Sexualität betrifft, in den vielen Gesprächen die wir hatten, machte er eher den Eindruck eines Suchenden.

Den Vorwurf, dass ich nicht da war, als er mich brauchte, egal was geschehen ist, quält mich wohl für den Rest meines Lebens. An der Wand neben meinem Bett hängt das große Bild von der Trauerfeier und viele kleine. So liege ich abends oft und mache mir meine Gedanken. Er fehlt mir so sehr.

Eine neue Bekannte, der ich meine Geschichte erzählte, war davon sehr berührt.

Eine Woche später erzählte sie mir, dass sie Kontakt mit Toten hat und dass sie von Sebastian geträumt hätte. Wenn junge intelligente Menschen plötzlich sterben, würden sie zu anderen wichtigen Aufgaben gerufen. Wie gern würde ich daran glauben!

Zum Schluss möchte ich mich bei allen bedanken, die mir geschrieben haben. Durch meinen Unfall und die lange Zeit im Krankenhaus konnte ich erst nicht schreiben und als ich dann wieder zu Hause war, gab es Probleme mit meinen PC und ich brauchte eine neue Festplatte. Damit waren alle Emails weg. Das tut mir sehr leid, denn es waren sehr schöne dabei. Danke nochmals.

Schrippes Mutti

Oktober 17, 2008

Schrippes Tod in der Zeitung: Ungeklärte Todesfälle

Der zutändige Zeitungsredakteur hat mir den Veröffentlichungstermin seiner Story zu Kenntnis gegeben: Im Magazin der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung wird Schrippes Tod genauer unter die Lupe genommen. Zwischen der Polizeiakte und den biografisch recherchierten Informationen klafft eine grosse Lücke. Ich bin schon  sehr gespannt ….

Hier der Artikel – der Aufmacher im Magazinteil:

“Gib mal ein Lebenszeichen, wenn du lebst” – Sebastian Dittrich war ein lebensfroher junger Wissenschaftler. Sein plötzlicher Tod lässt Freunde und Angehörige rätseln: Wer war er wirklich? Von Andreas Kopietz , Berliner Zeitung, Magazin vom 18.10.2008

Leserbriefe: leserbriefe@berliner-zeitung.de

September 3, 2008

Publizistische Bewegung

Abgelegt unter: Fotos, Presse — admin @ 3:01 pm

In den Todesfall von Sebastian aka Schrippe an Neujahr 2008 in Berlin/Spandau scheint etwas publizistische Bewegung zu kommen: Ein Journalist einer grossen Berliner Tageszeitung hat seine Recherchen nun beendet, er wird in kürze einen Artikel veröffentlichen. Mehr Infos bald und hier.

UPDATE 14.10.2008 : Der Artikel wird wahrscheinlich am kommenden Wochenende veröffentlicht.

April 4, 2008

Schrippes Mutti

Abgelegt unter: Vermischtes — admin @ 6:19 pm

hat es um die Osterzeit richtig krass im Rücken erwischt,mit Klinik,ReHa und allem PiPaPo. Von dieser Stelle die besten Genesungswünsche ;)

Februar 2, 2008

Trauerrede von der Mutter

Abgelegt unter: Der Abschied — admin @ 2:16 pm

Die Mutter von Schrippe hat auf der gestrigen Trauerfeier im Krematorium-Ruhleben eine kurze Ansprache zu den Trauernden gehalten.Ich selbst war in der Trauerhalle innerlich zu ergriffen von der Situation,war zu versteinert für irgendwelche Abschiedsworte.

Hier nun die ausführlichen Abschiedsworte von Sebastians Mutter,die gestern durch die tiefe Trauer nicht so ausführlich  gesagt werden konnten.

Trauerfeier1 by Regina

Liebe Freunde, Kollegen und Genossen von Sebastian.

Ich danke Ihnen ganz herzlich, dass sie heute gekommen sind, um mit mir gemeinsam Sebastian die letzte Ehre zu erweisen. Besonders danke ich Herrn Jann, der einen wichtigen Termin im Ausland verlegt hat und Professor Jesse, der aus Chemnitz angereist ist ,genauso wie den Freunden ,die aus ganz Deutschland gekommen sind, davon einige, die Sebastian nur aus dem Internet kannte.

Ich freue mich, dass Sebastian so viele Freunde oder zumindest Bekannte hatte, die ihn vermissen werden und die traurig sind, dass er nun nicht mehr unter uns weilt.

Vor 3 Monaten haben wir erst meine Mutter begraben und wir haben danach über diese Trauerfeier gesprochen. Er hätte es nicht gewollt, dass heute ein fremder Mensch die letzten Worte über ihn spricht.

Übermorgen wäre er 27 geworden. Er hatte sich zum Geburtstag die Schwanensee-CD gewünscht, deshalb hören wir heute Stücke daraus.

Es hieße Eulen nach Athen zu tragen, wenn ich heute über seine guten Eigenschaften sprechen wollte, wie klug, hilfsbereit und verständnisvoll er war. Denn sicher hat fast jeder hier den Trauerblog, welchen sein Freund Zuppi eingerichtet hat oder „Zettels kleines Zimmer“ ,mit welchen er oft im Streitgespräch lag, besucht. Und ich danke den vielen, die dort mit mir trauerten und ihr Zusammentreffen mit ihm schilderten.

Nein, er war kein Held, er war mein Sohn, und einen besseren hätte ich nicht haben können.

Als Junge mochte er es nicht, den Mülleimer rauszubringen oder sein Zimmer aufzuräumen. Aber er stand mir immer zur Seite, egal wie alt er war und wie schlimm es war.

Sogar als er noch nicht geboren war. Mitten in der ML- Prüfung in Potsdam, bekam ich genau zur richtigen Zeit Senkwehen und die Prüfungskommission war froh, als ich wieder draußen war.

Er hat nie geheult, weil er im Kindergarten der letzte war, Mutti musste ja mit Ihren Kollegen einen ganz neuen Betrieb bauen. Aber die Wochenenden gehörten uns und das nutzten wir aus.

An so einem Wochenende gingen wir zu einem Volksfest in Lichtenberg. Irgend eine Familie hatte einen Müllcontainer bestellt, um zu entrümpeln. Obenauf lag ein kleiner Hund. Er wollte unbedingt, dass ihn sein Papa vom Müllcontainer holt. Er weinte und meinte dass der Hund doch dort sterben muß. Alles Reden half nichts. Also holte ich ihn mit spitzen Fingern, besorgte mir am ersten Stand eine Plastiktüte und verstaute ihn darin. Nach 3 Tagen in Seifenwasser und mehrfachen Nähabenden durfte er ihn dann bekommen. Seinen Mülli, er saß viele Jahre auf seinem Bett und beschützte ihn. Er hatte ihm ja das Leben gerettet. Irgendwann kam die Zeit seine Plüschtiere zu verschenken.

Ihn habe ich vor 2 Wochen in seinem Bettkasten gefunden

Als dann eine Illusion zusammenbrach und sein Vater daran, konnte ihm kein Mülli helfen. Es begann für uns eine sehr schwere Zeit. Wir beide rückten immer enger zusammen und standen es durch.

Er wollte eigentlich Informatik studieren, aber Mathe war nicht gerade sein bestes Fach. Also drehte er sein Lebensziel um, Wählte sein Hobby , die Politik, zu seinem künftigen Beruf und die Informatik zu seinen Hobby und beides mit großer Begeisterung.

Wie aufgeregt er immer vor den Prüfungen war und alle ringsum genervt hat. Und dann war es doch immer ein gut oder sehr gut. Und es ging immer weiter so.

Als ich vor über 2 Jahren plötzlich gekündigt wurde, da ich den Betrug des Arbeitsdirektors nicht mittragen wollte, nahm er mich in den Arm und tröstete mich: „Das hast Du völlig richtig gemacht, man muß seinem Gewissen folgen“. Da wurde mir richtig bewußt, wie erwachsen er geworden war.

Wie hat er sich gefreut als ich im Oktober einen neuen Job bekam und dann im Dezember sein Stipendium. Das Leben war für ihn schön und er staunte immer über seinen Erfolg und meinte: „Ich mache doch nur mein Hobby und meinen Job“. Aber das machte er eben mit Begeisterung. Einem Freund im Internet schrieb er“ So kann es ewig weitergehen!“

Leider wird dieser Wunsch nun nicht in Erfüllung gehen und daran trägt nicht er die Schuld, dessen bin ich mir sicher.

Lassen Sie uns noch ein kleines Stück aus Schwanensee hören und dann bitte ich Herrn Professor Jesse und Professor Jann um ein paar Worte des Gedenkens.

PS:
Sollte sich in den nächsten 4 Wochen immer noch keinerlei Ermittlungsfortschritt zeigen,wird Sebastians Mutter ihre Einlassungen an die Berliner Staatsanwaltschaft veröffentlichen.Die Sicherheitsorgane haben sich zur Aufklärung von Schrippes Tod nicht gerade mit Ruhm bekleckert und das ist jetzt noch diplomatisch formuliert.

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